Markus Groh

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 Interview 
 

Herr Groh, Sie leben in Berlin und New York. Sehen Sie sich als Weltbürger oder haben Sie eine Heimat?

 

„Heimat“ ist für einen ausübenden Musiker wahrscheinlich etwas komplizierter zu beschreiben. Normalerweise beinhaltet das Musikerdasein seit Urzeiten das Reisen, das „Umherziehen“. Von Kurt Masur habe ich in etwa folgende Worte sinngemäß in Erinnerung: „Ich fühle mich dort zu Hause, wo meine Musik verstanden wird.“ Das stimmt in einer immer mehr räumlich zusammenrückenden Welt umso mehr, je weiter die Entfremdung und Diversifikation in den Gesellschaften der Staaten oder Städte fortschreitet.

Eigentlich also eher Weltbürger.

Berlin und New York haben eher praktische Gründe. Ich habe in Berlin einen großen Bekanntenkreis. Zudem ist Berlin vom Preis-Leistungsverhältnis für uns unschlagbar gewesen. Deswegen haben wir hier auch 2005 ein Haus gekauft. In New York teilen wir uns eine Wohnung, meine Familie kommt nur etwa zweimal im Jahr mit. Aber es ist unglaublich praktisch, in NYC einen Flügel zu haben und sich zwischen den US-Engagements in Ruhe vorbereiten zu können.

 

 

Sie spielen mit den bedeutenden europäischen Orchestern ebenso wie den amerikanischen, zuletzt etwa dem New York Philharmonic, dem Philadelphia Orchestra oder erst kürzlich mit dem Cleveland Orchestra. Welche Unterschiede bemerken Sie aus der Sicht eines Solisten – im Klang des Orchesters oder in der Reaktion des Publikums?

 

Um beim Publikum anzufangen: Ich bemerke gerade bei virtuosen Stücken eine große Euphorie in den Staaten, mehr Bravorufe und schneller Standing Ovations, als in Europa, dafür ist der Applaus oft kürzer. Gerade wenn man, sagen wir, Los Angeles mit Leipzig vergleicht, sind das zwei verschiedene Applauswelten.

Amerikanische Orchester, nicht nur die Topensembles, sondern auch die der „2.Reihe“  spielen oft schon in der ersten Probe präziser, sind dafür klanglich oft weniger flexibel oder vielschichtig. Und sie spielen relativ gesehen früher quasi „auf den Schlag“. Das kommt aber natürlich auch auf den Dirigenten an.

Speziell beim New York Philharmonic sind mir am Ende des 1. Lisztkonzertes die stählernen Blechbläser in Erinnerung, die uns alle wohl hätten wegblasen können, wenn nicht der Dirigent Einhalt geboten hätte.

Beim Cleveland Orchestra, das von allen amerikanischen Orchestern, mit denen ich bisher gespielt habe, wahrscheinlich vom Klang her das flexibelste und damit „europäischste“ Orchester ist, war absolut phänomenal, wie bei einem so schwierigen Werk, wie dem 2. Brahms-Klavierkonzert, gleichzeitig jeder Spieler einzeln und das Orchester als Gesamtheit auf jede noch so geringe Nuance reagiert haben; bei 4 verschiedenen Aufführungen gibt es natürlich innerhalb eines gewissen Rahmens  Unterschiede. Mit dem Cleveland Orchestra fühlte es sich aber an, wie Kammermusik mit 85 Individuen oder besser gesagt: wie Kammermusik mit einer Person, die alle Instrumente gleichzeitig spielen könnte. Himmlisch !

 

 

Sie gelten auch als großer Liszt-Interpret. Nach einem Auftritt beim Philadelphia Orchestra sprach ein Kritiker sogar von einem „neuen modernen Standard“. Was bedeutet dieser Komponist für Sie?

 

Was Franz Liszt angeht, empfinde ich mich manchmal in einer ähnlichen Situation wie seinerzeit Alfred Brendel. Ich identifiziere mich sehr stark mit den „Klassikern“ und sehe die wichtigen Werke von Liszt in einer Tradition, die von Bach und Beethoven ausgehend über Weber schließlich zu Wagner und Strauss führt. Viele Menschen - ironischerweise gerade dort, wo man beispielsweise Rachmaninoff für den tiefsinnigsten aller Komponisten hält - wird Liszt oft als oberflächlich angesehen. Das hat vielleicht mit den noch immer im Hintergrund herumgeisternden Hollywoodfilmen zu tun, in denen Liszt immer nur den oberflächlichen Frauenheld und Popstar spielt. Dabei reduziert sich die reine Virtuosenzeit bei Liszt nur auf einige Jahre. Er war eben sehr vielseitig. Quasi-Wunderkind, reifer Virtuose, Frauenheld, Bearbeiter, Wegbereiter, Komponist, Dirigent, Lehrer, Philosoph, Abbé – einfach zu vielseitig für manche konservative Naturen.

Und natürlich sind nicht alle Werke auf einem gleichsam hohen Niveau. Das macht es mit Sicherheit einfacher, ihn zu kritisieren und zu behaupten er habe größtenteils nur Gelegenheitsmusik geschrieben.

 

 

Auch ihre Einspielung von Liszts h-Moll-Sonate 2006 erntete großes Lob bei der internationalen Fachkritik und gleich drei hohe Auszeichnungen wie den „Editor’s Choice“ des Gramophone Music Magazine. Ist dies ein zentrales Werk Ihrer Karriere?

 

Ja, definitiv. Ich fing mit 17, noch während meiner Schulzeit, an dieses Werk zu üben, erst einmal nur die technisch schwierigen Stellen. Ich war davon etwa 3 Monate lang ganz besessen, habe dann das Werk erst mit 19 Jahren öffentlich gespielt, später auch in Wettbewerben, und in der Folge immer wieder einige Jahre ruhen lassen. Dieses Werk gehört mit Sicherheit zu den Stücken, die immer besser komponiert sind, als sie jemals gespielt werden können.

 

 

Auf welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrem Repertoire außerdem? Sie haben ja 2008 auch Brahms späte Klavierstücke eingespielt. Ein bewusstes Kontrastprogramm zum virtuosen Liszt?

 

Ich wollte nach den großen, virtuosen Lisztwerken etwas ganz anderes aufnehmen. Die späten Brahmswerke, diese kurzen, intimen „Miniaturen“, die aber in ihrer Tiefe, im Auskosten des Klanges, der Schlichtheit und ihrer formalen Reduktion auf das Wesentliche einen Gegenpol zu den Lisztwerken darstellen, und die ich bis auf op.116 sehr oft gespielt habe.

Der Rat, sich bei Aufnahmen weiterhin mit Meisterwerken auseinanderzusetzen, und sich erst einmal nicht mit Randrepertoire zu beschäftigen, war ganz wichtig für mich. Ich fühle mich eben doch bei dem „deutschen“ romantischen Repertoire zu Hause. Ich bin mit Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Liszt aufgewachsen und kehre quasi dahin immer wieder zurück, auch wenn ich häufig Impressionistisches, Expressionistisches spiele oder auch einmal ganz neue Werke vereinzelt in mein Repertoire aufnehme, wenn sie wirklich außergewöhnliche Werke darstellen.

 

In der September-Ausgabe des Magazins Fono Forum ist Ihre Brahmsaufnahme die instrumentale „Empfehlung des Monats“. Es heisst dort: „Schon nach den ersten Takten...(op.117, Nr.1) zeigt sich, dass Markus Groh den Vergleich mit den größten Namen wie beispielsweise Arturo Benedetti-Michelangeli...nicht scheuen muss. Freut Sie das oder kann so etwas auch belastend wirken?

 

Natürlich ist es schön, von einem unabhängigen Kritiker in einem Atemzug mit solchen Namen genannt zu werden, zumal „ABM“ immer eines der Idole meiner ersten Klavierlehrerin war, und ich genau auf den Tag 50 Jahre nach im geboren wurde.

Was mich besonders gefreut hat ist, dass der Kritiker vom „überragenden Gesamteindruck“ spricht und trotzdem spezifische Details meiner Aufnahme genau hervorhebt.

 

 

Bei Ihren Einspielungen für das Londoner Label AVIE setzen Sie auf SACDs im hoch auflösenden DSD-Verfahren. Wieso ist der Klang bei Klavieraufnahmen so entscheidend?

 

Ich weiß nicht, ob der Klang das alles entscheidende ist. Es gibt ja auch hervorragende alte, vor allem analoge alte Aufnahmen.  Ich hatte immer ein Problem mit Aufnahmen, einfach deshalb weil  sie - im Gegensatz zum Konzert - „bleiben“. Eine Studioaufnahme soll einfach so gut sein, dass man sie sich gerne immer wieder anhört, dass sie im besten Sinne süchtig macht. Und das tut sie einfach nicht, wenn sie voll von Unzulänglichkeiten ist, wenn der Flügel verstimmt, eindimensional, unnatürlich oder dynamisch nivelliert klingt, oder wenn ich künstlerisch mit einem Stück nicht wirklich im Laufe der Zeit zusammengewachsen bin.

Wenn man schon die Möglichkeit hat, die höchste Informationsdichte bei digitalen Aufnahmen zu haben, das größte Klangspektrum, die höchste Tiefenschärfe, sehe ich nicht ein, warum man darauf verzichten sollte.  Der zeitliche oder finanzielle Druck darf dabei nicht zu groß werden, weil sonst eben die Qualität leidet.

Dieses Schnellproduzieren von irgendwelcher Musik, nur um etwas aufzunehmen, wovon man glaubt, dass es sich möglichst gut verkauft, das Sparen an klanglicher Qualität und das Ausufern von Marketing und Werbung, das hasse ich einfach wie die Pest.

Ich habe immer den Eindruck, dass Pianisten ganz besonders unter mangelnder Klangqualität leiden, mehr als andere Instrumentalisten. Wie ich schon sagte im Interview im Booklet: ein Zusammenspiel von Saal, Instrument, Stimmer, Tonmeister, Tontechnik, Künstlerischer Idee und eben auch dem Interpreten macht im Idealfall eine großartige Aufnahme aus, die auch das Recht erwirbt nach Jahren gehört zu werden.

 

 

Was bedeutet moderne und Neue Musik für Sie?

 

Ich arbeite immer wieder mit lebenden Komponisten zusammen, was eine höchst spannende Aufgabe ist. Leider bleibt nicht immer genug Zeit, häufiger solche Werke einzustudieren, gerade wenn Sie, wie bei der Musik von Charlotte Seither, zum Teil auch ganz ungewöhnliche Spieltechniken verlangen. Ich bin da kein Spezialist, finde aber, dass diese Musik einen Klavierabend unglaublich bereichern kann, und viele Menschen, die sonst nicht diese Musik hören würden zum Nachdenken bringt und oft sogar richtig begeistern kann.

 

 

Und die Kammermusik? Immerhin haben Sie 2003 nördlich von Berlin das „Bebersee Festival“ gegründet, das ein ganz spezielles Flair besitzt. Auch wegen der ungewöhnlichen Spielstätte auf einem alten sowjetischen Flugzeughangar...

 

.... Ja, das überrascht die Leute immer wieder. Wir sind ein kleines Festival geblieben, wo sich einige meiner Freunde immer wieder zum gemeinsamen Musikmachen treffen. Der Ort – so schön die umgebende Landschaft ist, die wunderbaren, klaren Seen, die herrlichen Wiesen und Wälder – regt aber auch zum Nachdenken an. Wir haben dort 2005 ein Hiroshima-Gedenkkonzert auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Abwurf der Bombe gemacht. Da blieb allen einfach die Luft weg. Auch das Programm 2007 mit gemeinsamen Konzerten polnisch-deutscher und griechisch-türkischer Ensembles, Länder, die weiß Gott ein kompliziertes Verhältnis zueinander haben, hätte einen an einem neutraleren Ort nicht so sehr bewegt.

Die kurze Formel: „Besser dort Musik machen, wo früher Waffen das Sagen hatten, als umgekehrt.“ gilt für uns. Leider, wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, geschieht viel zu oft das Umgekehrte. Dieser symbolische Gedanke, dass Kunst und insbesondere Musik stärker als Gewalt sein können, diese Utopie fasziniert mich und viele andere eben. Musik, die quasi gewaltiger als physische Gewalt sein kann und Menschen zum Umdenken zwingen kann. Denken Sie beispielsweise an die Schlüsselszene in dem wunderbaren Film „Das Leben der Anderen“.

Außerdem : Wo kann man sonst solche Dinge künstlerisch ausprobieren, wie z.B. alle Mozartklavierkonzerte in Kammerbesetzung in 9 Tagen, alle Brahmsklavierwerke oder einfach Stegreifimprovisationen oder Ähnliches? Beim Bebersee-Festival ist eben ein ganz besonderer Freiraum geschaffen worden.

 

 

Sie haben 1995 als erster Deutscher den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewonnen. Wie wichtig war aus heutiger Perspektive dieser Wettbewerb für Sie?

 

Es war natürlich eine große Hilfe, meine schon bestehende internationale Konzerttätigkeit plötzlich erheblich zu erweitern. Vieles ist durch den Wettbewerbsgewinn erst möglich geworden. Es handelt sich immerhin um einen der ältesten und bedeutendsten Wettbewerbe. Schauen Sie sich die Preisträgerlisten an. Man findet bei den Pianisten mit Emil Gilels, Arturo Benedetti-Michelangeli, Leon Fleisher, Vladimir Ashkenazy, Emanuel Ax, Elisabeth Leonskaja, Mitsuko Uchida, Valery Afanassiev, nicht gerade die unbekanntesten Namen und diese übrigens pikanterweise nicht immer an der ersten Stelle.

 

 

Wie beurteilen Sie überhaupt den aktuellen Klassikmarkt? Welchen Stellenwert haben für Sie etwa Image und Marketing? Sie etwa sind ja bereits als „Pianist mit dem Zopf“ bekannt...

 

Ach ja, ich weiß nicht. Das sollen andere beurteilen. Wie ich ja schon vorher gesagt habe gibt es sicher Pianisten, für die Image und Marketing eine größere Bedeutung haben. Ich versuche professionell zu sein, aber in erster Linie Künstler und nicht hauptsächlich Manager oder Vermarkter der eigenen Karriere.

 

 

Welche drei Tugenden sind für einen Pianisten am wichtigsten?

 

Hm. Drei. Das ist schwierig. Wie wäre es mit folgendem:

Einfühlungsvermögen in Klänge, Charaktere und Entwicklungen;

Balance zwischen außergewöhnlichen emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten;

Ausdauer beim Erarbeiten und immer wieder Neudurchdenken der Werke.

Irgendwie reichen drei Schlagwörter nicht.

 

 

Bleibt bei aller Musik auch noch Zeit für Ihre junge Familie?

 

Ich hoffe doch. Meine beiden Kinder nehmen auch Zeit in Anspruch und es ist sicher nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Es ist aber ein wunderbares Gefühl, eines meiner beiden Kinder direkt nach einem Konzert im Arm zu haben oder nach einer Reise zu Hause wiederzusehen. Ich bin sehr froh, dass ich meiner Familie, aber meine Familie auch mir ein weiteres als das oben von mir beschriebene Zuhause geben kann und ich hoffe, alles weiterhin so vereinbaren zu können. Kinder bereichern das Leben in jeder Hinsicht. Man hat von allem mehr: mehr Glück, mehr Ärger, mehr Freude, mehr Leid, mehr Liebe... nur eines nicht: mehr Zeit.

Aber dafür schätzt man das Leben und die Zeit umso mehr.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

  

 

 

 

Das Gespräch mit Markus Groh führte Dr. Matthias Corvin.